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Stand: 19.12.2015 09:28 Uhr - Lesezeit: ca.5 Min.

Bäcker-Azubi aus dem Sudan kann vorerst bleiben

von Eric Klitzke

Ein Schicksal, das kein Auszubildender erleben möchte: Der Lehrmeister stirbt unerwartet und der Fortgang der Lehre steht auf dem Spiel. Den Konditorlehrling Adam Ismail Hussein trifft dieses Los im Oktober dieses Jahres - nur ungleich härter. Er verliert seinen väterlichen Freund und muss befürchten, aus Deutschland ausgewiesen zu werden.

Adam hat das richtige "Teiggefühl"

Bäcker-Azubi aus dem Sudan kann vorerst bleiben

Stand: 19.12.2015 09:28 Uhr – Lesezeit: ca.5 Min.

Bäcker-Azubi aus dem Sudan kann vorerst bleiben

von Eric Klitzke

Ein Schicksal, das kein Auszubildender erleben möchte: Der Lehrmeister stirbt unerwartet und der Fortgang der Lehre steht auf dem Spiel. Den Konditorlehrling Adam Ismail Hussein trifft dieses Los im Oktober dieses Jahres – nur ungleich härter. Er verliert seinen väterlichen Freund und muss befürchten, aus Deutschland ausgewiesen zu werden.

Adam hat das richtige „Teiggefühl“

Adam Hussein stammt aus dem Sudan. 2011 flüchtet er nach Deutschland und muss seine Frau zurücklassen. Im Sudan hatte er bei seinem Vater das Bäckerhandwerk erlernt, hier in Deutschland darf er nicht arbeiten. Was ihm bleibt, sind die Deutschkurse und das Warten auf die Bescheide der Behörden. Als ihm das Warten unerträglich wird, hört er von einem Projekt, das ihm ein Praktikum ermöglicht. Er bewirbt sich bei der Feinbäckerei Adam in Burgwedel-Fuhrberg (Region Hannover), spricht beim Chef Axel Adam vor, überzeugt ihn von seinen Fähigkeiten. Alke Adam, die Ehefrau des Bäckers, erinnert sich: „Mein Mann hat gleich gemerkt, dass Adam Teiggefühl mitbringt.“

Weiter Weg und neue Rezepte sind kein Problem

Adam beginnt sein sechsmonatiges Praktikum in Fuhrberg, fährt anfangs acht Kilometer mit dem Fahrrad zu Arbeit, manchmal klingelt der Wecker schon um drei Uhr in der Frühe. Alles kein Problem für den Sudanesen. Die Hauptsache ist, er kann endlich wieder arbeiten. Vieles kennt er schon aus der Bäckerei seines Vaters, vor allem die Brotteige. Süße Produkte wie Torten oder Pralinen sind neu für ihn, aber auch das lernt er im Handumdrehen. Konditor Axel Adam ist begeistert von seinem Praktikanten, und auch wenn die kleine Feinbäckerei eigentlich gar keinen Bedarf für eine volle Stelle hat, wird Adam Ismail Hussein als Auszubildender eingestellt.

Der „Kleine Adam“ und der „Große Adam“

Alke Adam und Adam Ismail Hussein lächeln in die Kamera. © NDR Fotograf: Eric Klitzke

Alke Adam ist wie eine große Schwester für den Sudanesen. Gemeinsam kämpfen sie bei der Härtefallkommission für sein Bleiberecht.

Mittlerweile gehört Adam zur Familie, er bezeichnet Axel Adam als seinen „deutschen Vater“, Alke Adam ist so etwas wie eine große Schwester für den zurückhaltenden Sudanesen. Und er lernt schnell die Rezepte der Familie Adam. Selbst sein Lehrmeister ist erstaunt, wie gut er die Teige und Gebäckstücke reproduzieren kann. „Einmal lecker backen kann jeder. Die Kunst ist, dass es immer lecker ist“, sagt Alke Adam. Und dass es den Fuhrbergern schmeckt, ist kein Geheimnis. „Die Brötchen schmecken so, wie vor 50 Jahren bei Axel Adams Vater“, sagt eine alteingesessene Fuhrbergerin, die noch kurz vor Ladenschluss in der Bäckerei einkauft.

Plötzlich stirbt der Lehrmeister – auf der Hochzeitsreise

Die Adams rücken immer weiter zusammen. Der „Kleine Adam“ wohnt in einer Wohnung im Haus des „Großen Adams“, wie sie mittlerweile in Fuhrberg genannt werden. Bei der Hochzeit von Alke und Axel Adam ist Adam Hussein der Trauzeuge. Dann passiert im November 2015 die große Katastrophe – während der nachgeholten Hochzeitsreise in Brasilien: Axel Adam stirbt unerwartet in den Armen seiner Frau Alke.

Wird der Sudan als sicher eingestuft, droht Abschiebung

Zurück in Fuhrberg ist für sie klar, dass es mit der Feinbäckerei und dem angeschlossenen Café weitergehen muss. Im Sinne ihres verstorbenen Mannes und zum Wohl des „Kleinen Adam“. Kein Lehrmeister, keine Lehre – so einfach ist die Formel. Direkt droht Adam die Abschiebung aus Deutschland noch nicht, sollte der Sudan aber von der Bundesregierung zu den sicheren Herkunftsstaaten erklärt werden, kann sich das schnell ändern. Deshalb haben sich Alke Adam und Adam an die Härtefallkommission des Landes Niedersachsen gewandt – für viele ist das Gremium die letzte Chance, ein Bleiberecht zu bekommen. Doch auch eine Härtefallkommission hat Regeln, an die sie sich halten muss: Die wichtigste, zumindest nach Auffassung des niedersächsischen Innenministeriums: „Integration bedeutet vor allem, sich von der eigenen Arbeit ernähren zu können.“

Ein neuer Lehrmeister übernimmt

Für Adam bedeutet das: Ein neuer Lehrmeister muss her. Mit Hilfe eines von Land, Landkreisen und der Handwerkskammer gegründeten Integrationsprojekts wird die Werbetrommel gerührt: Gesucht wird ein Konditormeister, der aus dem Ruhestand zurückkehrt und Adam unter seine Fittiche nimmt. Tatsächlich melden sich auch einige, die helfen wollen, Alke Adam fällt die Auswahl schwer. Letztendlich entscheiden sie und Adam sich für Siegfried Götz. „Das, was Herrn Götz ausgemacht hat, war, dass er sich sehr für Adam interessiert hat. Er ist begeistert von Adam.“ Doch damit ist erst ein Teil des Problems gelöst.

1.000 Unterschriften und ein Stapel Stellungnahmen

Gemeinsam machen sich Alke und Adam daran, den Antrag bei der Härtefallkommission zu stellen. Der Leitfaden des Flüchtlingsrates regt an, möglichst viele Stellungnahmen von Freunden oder Bekannten des Antragstellers mit einzureichen. Zusätzlich sammeln Unterstützer Unterschriften von Menschen, die sich für ein Bleiberecht Adams aussprechen. Das Ergebnis ist überwältigend: Geschätzte 1.000 Unterschriften und ein Stapel Stellungnahmen, zum Teil handschriftlich verfasst, zeugen von der gelungenen Integration des zurückhaltenden Sudanesen. Wie außergewöhnlich diese Resonanz ist, merkt Alke Adam im Büro der Flüchtlingshilfe. „Die Dame hatte netterweise angeboten, dass ich Kopien machen kann und als sie dann sah, mit was für einem Stapel ich dann gekommen bin, sagte sie, das habe sie noch nicht erlebt. Ich müsste doch in einen Copyshop gehen, das seien einfach zu viele.“

Das weitere Verfahren in einem Härtefall

Der Antrag bei der Härtefallkommission ist eingegeben, wie es im Amtsdeutsch heißt. In der nächsten Zeit wird die Kommission entscheiden, ob es sogenannte Nichtannahmegründe gibt. Das kann beispielsweise eine Haftstrafe sein, die wegen schwerer Straftaten verhängt wurde und bei Erwachsenen noch nicht fünf Jahre zurückliegt. Danach wird entschieden, ob der Antrag zur Beratung angenommen wird. Bis zu dieser Entscheidung ist die Abschiebung ausgesetzt. Im Anschluss läuft dann das eigentliche Härtefallverfahren. Im „Leitfaden für einen Härtefallantrag“ heißt es: „Das kann Monate dauern.“ Sollte die Kommission den Antrag annehmen, bittet sie den Innenminister um die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis. Der Innenminister entscheidet in der Regel im Sinne der Kommission und ordnet die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis an. Die Abschiebung ist damit abgewendet.
Quelle: Leitfaden für einen Härtefallantrag in Niedersachsen (Hrsg.: Institut für angewandte Kulturforschung e.V. (IFAK) und Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V.)

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